I STILL HAVE A DREAM
EIN CLASSIC–JAZZ CROSS–OVER CONCERT–PROJEKT ZUM GEDENKEN AN MARTIN LUTHER KING *1929 – †1968
DIE LEGENDE VOM TANZENDEN MÖNCH

Es war einmal ein Gaukler, der tanzend und springend von Ort zu Ort zog, bis er des unsteten Lebens müde war. Da gab er all seine Habe den Armen und trat in das Kloster zu Clairveaux ein. Aber, weil er sein Leben bis dahin mit Springen, Tanzen und Radschlagen zugebracht hatte, war ihm das Leben der Mönche fremd, und er wusste weder ein Gebet zu sprechen noch einen Psalter zu singen. So ging er stumm daher, und wenn er sah, wie jemand des Gebetes kundig schien, aus frommen Büchern las und mit im Chor sang, stand er beschämt dabei: Ach, er allein, er konnte nichts. “Was tust du hier?“, sprach er zu sich, „Ich kann nichts als müßig stehen und gaffen! Ich weiß nicht zu beten und kann keine sinnvollen Worte machen. Ich bin hier unnütz. Ich bin der Kutte nicht wert, in die man mich kleidete und des Brotes nicht, das man mir gibt.“

In seinem Gram flüchtete er aus des Tages Licht in eine unterirdische Kapelle, wo zwischen Kerzen das Bild der Gottesmutter stand. Dort verkroch er sich sorgenvoll in einen Winkel. Plötzlich klang tief und voll die Glocke, welche die Brüder zur Messe lud. Er hob das Haupt und sprang auf: »Soll ich hier liegen, während alle andern wetteifern, Unsere Liebe Frau zu loben? Was säum' ich noch? Bin ich nicht auch in mancherlei Künsten erfahren? Nach seinen Kräften dient ihr ein jeder. So will auch ich tun, was ich kann!« Rasch warf er die lange Kutte beiseite und gürtete sich sein dünnes Jäckchen um die Lenden. Dann trat er demutsvoll vor das Bild der Gottesmutter und sprach: »Dir, Königin ob allen Königinnen befehle ich Seele und Leib! Zu dir komme ich voll Vertrauen, oh nimm mit meinem Eifer vorlieb! Die schönsten Spiele, die ich kann, weihe ich dir zur Lust. Du verschmähst nie, was dir ein Herz aus Liebe bietet. Sieh, was ich habe, bringe ich dir dar!« Und während droben die Hymnen erschollen, beginnt er mit vollen Kräften zu tanzen, bald vor- und bald rückwärts, auf und nieder, er geht auf den Händen durch die Kapelle und überschlägt sich in der Luft, alle Arten von Tänzen springt er mit kunstgerechtem Schwung, und nach jedem Tanz verneigt er sich vor dem Bilde: »Das tu' ich nur für dich, dass sich dein Auge daran erfreue, erfreust du doch die ganze Welt!« Und wiederum hebt er an, die Hand auf die Stirn gelegt, mit kleinen Schritten zierlich in der Runde zu gehen, dabei weint er und betet: »O Frau, dir singe ich Ehre und Preis mit Herz und Leib, mit Hand und Fuß. Da droben singen sie Lobeshymnen: lass mich dein treuer Tänzer sein und gib mir in deinem himmlischen Palast eine kleine Wohnung, denn dein bin ich ganz und gar.« Solange der Sang von oben klingt, tanzt er ruhelos, bis ihm der Atem vergeht und die Glieder den Dienst versagen: da sinkt er in Ohnmacht taumelnd zu den Füßen der Himmelskönigin nieder. Und siehe: die Strahlende neigt sich mit gütigem Lächeln hernieder und fächelt ihn mit ihrem Tüchlein, und mit ihrer süßen Gnadenhand kühlt sie das Feuer seiner Schläfen.

Ein Mönch hatte von draußen diese Vorgänge mit angesehen und heimlich den Abt geholt. Dieser ließ am anderen Tage den Laienbruder vor sich laden. Der Arme erschrak zu Tode, denn er glaubte, er solle wegen seines Müßiggangs vertrieben werden. Er fiel also voll Zagen vor dem Abt auf die Knie und sprach: „Ich weiß, Herr, dass hier meines Bleibens nicht ist. So will ich aus freien Stücken ausziehen und in Geduld den Staub der Straße wieder ertragen.“ Doch der Abt neigte sich voll Ehrfurcht, küsste ihn und sprach: „In deinem Tanze hast du Gott mit Leib und Seele geehrt. Uns aber möge Gott alle Worte verzeihen, die über unsere Lippen gekommen sind, ohne dass unser Herz dabei gewesen ist.“ Der Abt bat ihn, zu Gott für ihn und die Brüder zu beten, damit sie einst von seinen Gnaden erben möchten. Da ward der Arme vor Freude krank und kam zu sterben. Als aber sein letztes Stündlein gekommen war, da trugen der Engel Scharen den Tänzer Unserer Lieben Frau zum allerhöchsten Sternenzelt.

Clairveaux
Was verbindet eigentlich GIOACCHINO ROSSINI, den großen Komponisten des italienischen Belcanto des 19. Jahrhunderts, mit DUKE ELLINGTON, der Ikone des Jazz im 20. Jahrhundert?  Bestimmt lassen sich mancherlei Parallelen ziehen, gewiss ist aber, dass beide ein besonderes Gefallen an der selben kleinen Erzählung hatten, einer picardischen Marien-Legende aus dem 12. Jahrhundert, in der sich beide vielleicht auch in ihrem Selbstbild wiederfanden,
Savigny-Kapitell
» LE TUMBEOR DE NOTRE-DAME «